In Midrand bei Johannesburg boomt die IT-Branche und Südafrikas Völkergemisch arbeitet tüchtig an der Verwirklichung eines „African Dream“

Siemens-Zentrale in Midrand

„Vor fünfzehn Jahren,“ sagt Franz Hermanns und holt zu einer weiten Geste aus, „gab es hier in Midrand nichts als Felder, Wiesen und Pferde!“ Damals beknieten die Behörden seinen Partner und ihn, einen Teil der alten Farm Randjesfontein zu übernehmen und darauf ein Gästehaus zu errichten. Die Baugenehmigung kam hinterher.

Nicht Touristen hatten die beiden gemütlichen Aachener im Sinn, als sie ihre Guinea Lodge eröffneten: Ihre Kunden sind Geschäftsleute aus Europa, die wenigstens abends am Pool ein klein wenig Safari-Gefühl mit Blick auf strohgedeckte Dächer genießen wollen.  Denn wer heute von Randjesfontein über die sanften Hügel Midrands schaut, könnte glauben, statt in Afrika mitten in Kaliforniens Silicon Valley gelandet zu sein. Der Blick streift über ein Meer von weißen Werkdächern, edlen Firmensitzen mit hausgroßen Logos, über endlose Apartmentblocks und gesicherte Wohnanlagen bis hin zu vornehmen Vierteln unter deren schützenden Baumkronen prominente Politiker, Bankiers und Geschäftsleute in ihren Villen residieren. Durch die Mitte von alldem zieht sich, wie eine Aorta und zehn Spuren breit, die Autobahn N1 nach Pretoria. Auf ihr bewegt sich ein endloser Lindwurm von Fahrzeugen. Am Horizont schimmert die Silhouette Johannesburgs.

Nirgendwo wächst Afrika schneller als hier. In weniger als zehn Jahren haben Dutzende internationaler Firmen, von Canon bis Sony in Midrand ihre Südafrika-Zentrale errichtet, einheimische Computerfirmen wie Sahara oder Mustek lassen hier PCs für den heimischen Markt zusammenschrauben und auch deutsche Konzerne wie Siemens, BMW oder T-Systems erobern von Midrand aus den afrikanischen – und manchmal auch den Weltmarkt.

Für Siemens’ Südafrika-Zentrale entwarf der amerikanische Star-Architekt Richard Meier einen zylindrischen Turm mit weiß glänzender Aluminium-Fassade. Er steht in einer parkähnlichen Anlage direkt an der N1. Unter Zeltdächern mit W-Lan-Empfang können die 800 Mitarbeiter auch im Freien ihrer Beschäftigung nachgehen, Fitnessräume und ein Außengelände mit künstlichem Wasserfall und Jogging-Pfad gehören zur Ausstattung.

Als die Münchner sich vor zehn Jahren entschieden, von Johannesburg nach Midrand zu ziehen, waren zwei Gründe ausschlaggebend: Das Bauland war billig und die Verkehrsanbindung ideal. Alex Mathole, die Exekutiv-Direktorin von Siemens South Africa Ltd., ist heute mehr denn je vom Potenzial des Standorts überzeugt: „In weniger als zehn Jahren werden Johannesburg und Pretoria zu einer gigantischen Metropole verschmolzen und Midrand wird ihr Zentrum sein.“

Ein Zentrum ohne den historischen Ballast der Apartheid mit ihren nach Rassen getrennten Wohngebieten. Während das 30 Kilometer nördlich gelegene Pretoria als weiße Hochburg und das südlich gelegene Johannesburg als schwarze Metropole gelten, ist Midrand ein Beispiel für das friedliche Miteinander der Regenbogennation.

Dafür gesorgt hat unter anderem auch ein in der Vergangenheit oft gescholtenes Programm der ANC-Regierung: Black Economic Empowerment (BEE) macht Firmen strenge Auflagen, was die Förderung von „vormals benachteiligten Gruppen“ – sprich: Schwarze, Inder und Mischlinge – angeht. Für Mathole hat BEE vor allem Vorteile: In Südafrika herrscht ein Mangel an Fachkräften, was liegt näher, als die Ausbildung junger Schwarzer in die eigenen Hände zu nehmen. Siemens fördert Schulen im Umkreis, verteilt Stipendien, hält im eigenen Haus nach Talenten Ausschau und unterstützt kleine Firmengründer mit großen Ideen. „Diversity Management stärkt unsere Markposition und sichert Südafrikas wirtschaftliche Zukunft“ sagt Mathole.

Ein paar Straßen weiter bei BMW in der Bavaria Avenue sieht man das ähnlich. Firmensprecher Guy Kilfoil, selbst weißer Südafrikaner, stellt fest: „Wer sich in Südafrika wirtschaftlich engagiert, kommt um die gesellschaftlichen Fragen nicht herum.“ Auch BMW fördert den Nachwuchs, engagiert sich in Umweltfragen und testet auf freiwilliger Basis und streng vertraulich seine 2800 Mitarbeiter in Sachen HIV und Aids. 95 Prozent der Mitarbeiter wissen um ihren Status, die Firma bietet bei einem positiven Testergebnis Beratung und medizinische Hilfe an. Das Ziel: möglichst vielen eine sichere Zukunft bieten.

Unter den ersten zu sein gehört in Midrand zum guten Ton. Die Münchner sind stolz, schon 1986 mit ihrer Zentrale von Johannesburg hierher gezogen zu sein. Auch für BMW spielte die Lage eine entscheidende Rolle: direkt an der Autobahn, auf halbem Weg zwischen dem Werk in Pretoria, wo heute die Saloon-Variante der 3-Serie für Afrika, Amerika und Asien gebaut wird, und den Händlern, die zumeist in Johannesburg saßen. Wo 1986 noch grüne Wiesen lagen, stehen nun große Apartmentblocks. In ihnen leben Angestellte, für die es oftmals die erste eigene Wohnung nach einem Leben in den Wellblechhütten der Townships ist. Midrands Boom hat Zigtausende aus der Armut geholt.

Das schnelle Wachstum hat aber auch Schattenseiten. Fragt man Kilfoil nach den Problemen des Standorts, fallen ihm als erstes die vielen Schlaglöcher ein. Der Verkehr ist Midrands Fluch und Segen. Nicht zuletzt mit Blick auf den bevorstehenden World Cup wird derzeit überall gebaut und doch kann die Infrastruktur mit dem Wachstum nicht Schritt halten. Die Rush-Hour beginnt morgens um halb sechs und ist um zehn noch immer nicht vorbei. Die Stadtverwaltung, seit 1995 ist Midrand ein Teil Johannesburgs, lässt ein Schlagloch ausbessern und zwei neue entstehen daneben.

Im Bezirksamt, einem gelben Klinkerbau, der zwischen all den Firmenzentralen kaum auffällt, sitzt Bezirksbürgermeisterin Dr. Thembani Masilo, eine agile Mittfünfzigerin mit glatt gezogenem schwarzen Haar, zwischen einer riesigen Südafrika-Flagge und zwei hüfthohen Holzpuppen mit dem bunten Perlenschmuck der Ndebele-Frauen: „Meine Großmutter war eine Ndebele, aber ich habe auch Zulu- und Swasi-Wurzeln. Wir sind Großstädter, da vermischt sich das eben.“  Frau Masilo plagt nicht nur die Sorge vor dem Verkehrskollaps. In den Townships von Diepsloot und Ivory Park, direkt neben Midrand gelegen, warten 250.000 Menschen auf anständige Behausungen. Der Unterschied zwischen den Habenden und den Habenichtsen ist in ihrem Bezirk noch drastischer als anderswo. Bei einem Besuch in Deutschland war sie von den Abfallentsorgung begeistert und wünscht sich für Midrand ein vernünftiges Recycling. Und mehr integrierte Wohngebiete, in denen Arm und Reich zusammenleben.

Ein Gedanke, der nicht alle in Midrand begeistert. Sicherheit ist auch in Südafrikas Boomtown ein allgegenwärtiges Thema. Mischa und Sarah Jane Capazario, ein junges weißes Ehepaar mit zwei Kindern, sieben und zehn Jahre alt, können stundenlang Geschichten darüber erzählen. Erst kürzlich hat die Stadtverwaltung ein paar Bäume vor ihrem Haus gefällt, um mit ihnen eine Zufahrt zu blockieren, die als gefährlich galt. Drei Tage später waren die Stämme zersägt und endeten als Brennholz in der benachbarten Township.

Doch in der Regel, sagt Sarah Jane, klappt die Kooperation zwischen der Stadt und den Bürgern gut. Regelmäßig werden Versammlungen abgehalten, die Vorschläge der Bewohner fließen in die Sicherheitskonzepte mit ein. Private Security ist allgegenwärtig und um die meisten Wohnblocks stehen die für Südafrika so typischen hohen Mauern. Pförtner überwachen, wer ein- und ausfährt.  „In unserer Straße leben alle möglichen Hautfarben miteinander, unsere Nachbarn zum Beispiel sind Inder.“ Der Kontakt ist eng, man passt gegenseitig aufeinander auf.

Sarah Jane arbeitet als Sekretärin für eine Computerfirma von zuhause, ihr Mann, ein Programmierer, wechselte vor einem Jahr in die Freiberuflichkeit, um ebenfalls dem täglichen Verkehrschaos zu entgehen. Den beiden fehlt vor allem ein attraktives Freizeitangebot. Es gibt keine Stadtmitte, keine Theater, keine Diskotheken, nicht einmal ein Kino in Midrand. Wer ein wenig Zeit verbummeln möchte, hat nur die Auswahl zwischen einer Handvoll – zugegeben luxuriöser – Einkaufszentren. Südafrikas führende Mobilfunkfirma Vodacom hat an ihrem Firmensitz einen wahren Tempel der Telekommunikation errichtet, Vodaworld, ein Traum in Schiefer und Chrom, mit Wasserlandschaften und Grünanlagen zwischen denen Gärtner in Golf-Carts von einer Sprinkleranlage zur nächsten düsen. Im Inneren funkeln die Geschäfte von Apple und Nokia, Sony-Ericsson und Samsung.

Anette Erasmus, eine Powerfrau Mitte Dreißig mit schulterlangen blonden Haaren, leidet im Unterschied zu den Capazarios nicht unter den fehlenden Ausgehmöglichkeiten: „Wer wie ich in der IT-Branche arbeitet, braucht keine Restaurants, allenfalls einen Pizza-Service. Wir leben schließlich in Midrand, um zu arbeiten!“ Erasmus leitet das Service-Center von T-Systems. Die Tochter der Deutschen Telekom bietet IT-Lösungen für Geschäftskunden weltweit. Für Erasmus ist Midrand schon heute die Verwirklichung des südafrikanischen Traums. „Wir sind eine sehr geschäftstüchtige Nation, das Unternehmertum steckt uns im Blut,“ sagt sie. „Selbst wer nur ein paar Tennisbälle zu verkaufen hat, steht am Straßenrand und versucht ein Geschäft zu machen.“

Als sie bei T-Systems anfing, fiel es ihr zu Anfang schwer, sich mit der deutschen Firmenkultur zu arrangieren: „Wir sind innovationsfreudiger in Südafrika, weniger rigide. Als ich einen Preis für den Mitarbeiter des Monats einführen wollte, hieß es zuallererst, man wolle niemanden aus dem Team herausheben, dabei fördert so etwas doch den Wettbewerb um bessere Leistung.“ Mittlerweile gibt es den Preis doch. „Die Zeit, wo nur wir von Europa lernen konnten, ist vorbei,“ sagt Erasmus mit einem unverkennbaren Stolz in der Stimme. Dass die Telekom in Deutschland 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzen wolle, gehe auch auf die positiven Erfahrungen mit dem Diversity Management in Midrand zurück: „Südafrika hat längst verstanden, dass Vielfalt, ob Rasse oder Geschlecht, ein Vorteil ist, da erfolgt der Wissenstransfer mittlerweile in die andere Richtung.“

Auch Guy Kilfoil von BMW blickt optimistisch in Midrands Zukunft, auch für ihn ist die Boomtown ein Modell für Südafrika: „Einer unserer Stipendiaten, ein 17-jähriger Junge aus einer benachbarten Schwarzen-Siedlung, hat vor kurzem eine Toilette entwickelt, die mit dem Fuß bedient wird, ideal für die Hygiene-Bedingungen in den Townships. Mittlerweile ist die Erfindung auf ihn patentiert und findet Verwendung im Häuserprogramm der Regierung. „Wer Midrand kennt,“ sagt er, „der weiß: Das südafrikanische Glas ist nicht halbleer, es ist halbvoll.“

Eine kürzere Fassung des Textes ist in der Ausgabe 19/2010 des Magazins Focus erschienen

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