Südafrikas staatliche Feiertage lesen sich, als seien sie auf einem Parteitag der Grünen beschlossen worden: Es gibt den Tag der Jugend, den nationalen Frauentag, den Tag der Versöhnung, den Tag der Freiheit, den Tag des (kulturellen) Erbes und den Tag der Menschenrechte, den 21. März.

Sharpeville, heute vor 50 Jahren

Heute vor genau 50 Jahren hatte der Panafrikanische Kongress, eine Gruppe, die aus dem ANC hervorgegangen war, in Sharpeville zu einem friedlichen Protest gegen die diskriminierenden Passgesetze des Apartheidstaats aufgerufen.Viele tausend Bewohner des südlich von Johannesburg gelegenen Townships folgten dem Aufruf und verbrannten öffentlich ihre Pässe – die Polizei schoss in die Menge. Am Abend des 21. März 1960 lagen 69 Schwarze erschossen auf der Straße, fast 200 Menschen wurden verletzt.

Das Sharpeville-Massaker war ein Wendepunkt in der Geschichte Südafrikas und darüber hinaus. In Südafrika selbst führten die Ereignisse zum Verbot des ANC und damit indirekt zur Verhaftung Nelson Mandelas. Der ANC nahm den bewaffneten Kampf gegen die Regierung auf. Gleichzeitig wurde die internationale Gemeinschaft erstmals auf das Unrecht der Apartheid aufmerksam. Das Regime in Pretoria kam einem Ausschluss aus dem Commonwealth zuvor, in dem es seinerseits seinen Austritt und die Gründung der Republik Südafrika verkündete.

1966 erklärte die UNO den 21. März 1966 zum internationalen Tag gegen Rassismus. Und in Südafrika selbst ist der Tag des Sharpeville-Massakers seit 1994 ein offizieller Gedenktag: der Tag der Menschenrechte.

Sharpeville-Gedenkstätte

Und wie sieht es aus mit den Menschenrechten in Südafrika am 50. Jahrestag von Sharpeville? Auf dem Papier ist der Staat am Kap eines der freiheitlichsten Länder der Erde. Die Verfassungswirklichkeit ist freilich eine andere. In der Provinz Gauteng (rund um Johannesburg), ja in Sharpeville selbst, brannten in den letzten Tagen und Wochen Autoreifen auf den Straßen als Zeichen des Protests gegen den schleppenden Fortschritt in den Townships. Die Menschen werden ungeduldig. 15 Jahre nach Ende der Apartheid wachsen die Slums schneller, als die Regierung Wasser, Strom und Häuser zur Verfügung stellt.

Und wie sieht es aus mit dem Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit? 50.000 Morde im Jahr, die höchste Vergewaltigungsrate der Welt – für viele sind diese Zahlen auch ein Zeichen für den Zusammenbruch der traditionellen afrikanischen Werte, des Zusammengehörigkeitsgefühls,  “ubuntu” genannt, und der Achtung von Frauen. Die Verwerfungen innerhalb der südafrikanischen Gesellschaft sind riesig.

Politisch blüht nach 15 Jahren ANC-Herrschaft die Vetternwirtschaft. Die Medien sind voll von Vorwürfen der Begünstigung, der Korruption, der zunehmenden Verfilzung von großer Politik und Big Business. Die Chefin der größten Oppositionspartei (DA), die deutschstämmige Helen Zille, verglich Südafrika vor ein paar Tagen mit Orwells Animal Farm: Die Schweine laufen jetzt aufrecht.

Der Tag der Menschenrechte in Südafrika: Mehr eine Aufforderung als ein Grund zum Feiern.

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