Zu den interessanteren Filmen des Cape Wineland Filmfestival, das noch bis Samstag läuft, gehört die Dokumentation “Afrikaner, Afrikaan” der jungen Filmemacherin Rina Jooste. Der Film untersucht die Identitätskrise der ehemals herrschenden Ethnie des Landes anhand ihrer Musik. Buren-Musik als Ausdruck der Sehnsucht nach einer untergegangenen Welt einerseits, Afrikaaner-Rock als Ausdruck eines unbändigen Drangs nach Rebellion gegen das enge Buren-Korsett aus Rassismus und Calvinismus andererseits.

Afrikaaner-Kommando aus dem Burenkrieg

Als ich nach Südafrika kam, war das letzte, was mich interessierte die Buren. Viel zu spannend der Blick auf all die fremden, schwarzafrikanischen Kulturen. Doch je länger ich hier lebe, umso mehr faszinieren mich die rund 3 Millionen Nachfahren dieser holländischen, deutschen, skandinavischen und französischen Siedler, die irgendwann im 18 . Jahrhundert beschlossen, künftig nicht mehr Europäer zu sein, sondern Afrikaner.

Zunächst schien der Fall für mich klar: Ein Volk rückständiger Rassisten, von der unterdrückten Mehrheit nach dem Ende der Apartheid gnädigerweise nicht ins Meer gekippt. Ihre Kultur geprägt von einer ewigen Wagenburgmentalität gegen alles und jeden, ihre Religion ein unversöhnlicher Calvinismus, ihre Sprache ein “Dutch for Dummies”. Ein Schuft, wer Gutes dabei denkt.

Natürlich liegt der Fall komplizierter. Es sind ja auch, Überraschung!, nicht alle Deutschen Nazis. Überraschend vor allem, dass nicht wenige Nicht-Weiße in meinem Bekanntenkreis auffallend gut über Afrikaaner sprechen. Nicht, dass man sie besonders mag. Doch so mancher Xhosa schätzt am Afrikaaner dessen ehrliche Abneigung ihm gegenüber. Damit kann man umgehen, allzumal in der heutigen Zeit. Im Unterschied zu der in den vergangenen 200 Jahren allzu oft heuchlerischen Freundlichkeit angelsächsicher Zungen, konnte sich ein Schwarzer beim Afrikaaner stets sicher sein, was der über ihn dachte: Nichts Gutes! Das schuf fürwahr noch keine Freundschaft, aber Verlässlichkeit, die Voraussetzung ist für Vertrauen. Ein Vertrauen übrigens, auf dem beide Gruppen aufbauen konnten, als sie sich vor zwanzig Jahren hinsetzten, um das Ende der Apartheid auszuhandeln. Das war großteils ein Deal unter Afrikaanern und Schwarzen –  Briten spielten eine allenfalls marginale Rolle.

Seit 1994 nun steckt das Afrikaanertum in einer Krise, gegen die sich die Burenkriege ausnehmen wie ein Schnupfen. Erstmal reagierten viele von ihnen, wie sie es in ihrer Geschichte gelernt haben: Kommt die nächste Fremdherrschaft, ab in die Planwagen! Die meisten der neuen Voortrekker zog es Richtung Australiens Westküste, nach Perth. Sollte das Gebiet irgendwann an die Aborigines zurückfallen, werden Sie wieder weiterziehen, wahrscheinlich in die noch unbewohnten Teile des Outback. Gelernt ist gelernt.

Eine zweite Gruppe, noch konservativer vielleicht, sicher aber bodenständiger, manch einer davon auch nur zu arm um auszuwandern, fuhr die Planwagen kreisförmig zusammen und erklärte sich zum bedrohten Volk ohne Raum. 1990 schon gründeten 40 Burenfamilien die Stadt Orania, bis heute die letzte rein weiße Stadt im modernen Südafrika. Vertreter dieser Gattung wählen die Burenpartei Freedom Front Plus, ihre Kinder gehen zur Voortrekker Jugend, die Afrikaaner-Variante der Pfadfinder. Der Vorsitzende der Freedom Front, Dr. Pieter Mulder, verschaffte den Afrikaaanern 2008 als einzigem weißen Volk außerhalb Europas einen Sitz bei der Organisation der nicht-repräsentierten Völker UNPO. Für diese Afrikaaner endet die Suche nach Idenität vor allem im Wiederfinden einer vermeintlich glorreichen Vergangenheit. Zu ihren Grillfesten tragen sie die alten Farben des Apartheid-Staats und ihre Hymne ist ein Afrikaaner-Hit von 2007, eine pathetische Schnulze über den Buren-General De la Rey.

In Rina Joostes sehenswertem Film streitet sich in einer Radio-Talkshow der Sänger dieses Liedes, Sean Else, mit dem Sänger der Gruppe Ddisselblom, Johrne van Huysteen über die Frage, inwieweit der Song rassisitische Ressentiments fördert oder auch nur an ihnen verdient. Ddisselblom, weitaus weniger erfolgreich als Else’s Band Bok van Blerk, steht für die andere, die vorwärtsgewandte Suche nach einer neuen Identität für das kleine, zähe, unbeliebte Siedler- und Bauernvolk: die schwierige Frage, was es bedeutet, in einer Rainbownation weiß zu sein.

Diese Frage stellt – wenn auch nur implizit – Afrikaaners Hip-Hop. Seit ein paar Jahren boomt der Markt für Sprechgesang in der Burensprache. Ausgerechnet bei den Schwarzen Amerikas borgen sich junge afrikaanische Rebellen die Mittel, mit denen sie gegen all das aufbegehren, wofür Afrikaanertum seit 300 Jahren steht. Und sie treffen einen Nerv damit. Der You-Tube-Auftritt der Band “Die Antwoord” erreichte in wenigen Wochen weit über zwei Millionen Klicks Der Hip-Hop vom Kap ist längst bis nach Europa geschwappt, findet frenetische Aufnahme in den Clubs von Amsterdam und Antwerpen.. Die Antwoord, Jack Parow und andere haben einen Aufstand wenn nicht entfesselt, dann ihm doch zumindest die Musik  gegeben, einem Auftstand gegen die afrikaanischen Traditionen, gegen die Kirche, den politischen Konservatismus, den Rassismus der Väter. Es ist eine Rebellion, die immer größere Teile vor allem der städtisch geprägten Afrikaaner-Jugend erfasst. Es gärt in den weißen Arbeitervororten und den studentischen afrikaanischen Milieus von Kapstadt, Stellenbosch, Bloemfontein oder Pretoria. Die Frage “Wer sind wir und wie gehören wir dazu?” sucht immer lauter nach einer “Antwoord”.

Diese Suche zu beobachten, ist gerade für einen Deutschen spannend, denn sie enthält viele Parallelen zu unserer eigenen Geschichte. Auch die Deutschen erlebten die Metamorphose vom Herrenvolk zum Paria und mehrere Generationen arbeiteten und arbeiten sie sich an der Identitätsfrage ab. Und selbst nach 60 Jahren steht die letzliche Antwort auch zwischen Rhein und Oder noch aus. Geben wir also  den Afrikaanern noch ein wenig Zeit und Geduld. Spannend ist es allemal: tsjek di uit!

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