Vom ANC lernen, heißt siegen lernen: Zwischen  Kap und Limpopo wird der gemeine Arbeiter seit dem demokratischen Umbruch von 1994 nicht länger um verdientes Nichtstun gebracht, nur weil ein staatlicher Feiertag auf einen christlichen Sonntag fällt. Die Rainbownation hat dann eben montags frei. Guter Grund die Metropole am Kap mal für einen kleinen Ausflug zu verlassen.

Evitas Bahnhof in Darling

Die Wahl fällt auf Darling. Das sympathische Nest mit der typisch südafrikanischen Dreifaltigkeit (Kirche, Tankstelle, Liquorstore) im Ortszentrum, liegt
eine knappe Autostunde nördlich von Kapstadt in einer Talmulde. Darling leiht seinen Namen zahlreichen Milchprodukten im südafrikanischen Kühlregal (Darling-Butter, Darling-Amasi) und ist bekannt für blühende Wildblumen im Frühling (September). Auch ein paar Weinfarmen gibt es, bei Cloofs findet regelmäßig ein Braai statt, eine Massenverröstung afrikanischer Fleisch- und Wurstwaren, für den Afrikaans sprechenden Afrikaner der Inbegriff von “geselligheid”, für alle anderen eine Gesundheitsgefahr. Die Tourismusinformation nennt den Ort : lieblich. Die Broschüre muss im Frühling geschrieben worden sein. Im Spätsommer (März) sind die Blumenwiesen verdörrt, und wer an einem vom ANC gesponsorten Public Holiday um die Mittagszeit Darling erreicht, wird  von nicht viel mehr empfangen als einem Staubteufel und einem traurig trottenden Hund.

Evita Bezuidenhout

Die meisten Menschen kommen aber nach Darling nicht wegen Butter, Blumen oder Braai, sondern wegen der Bezuidenhout. Evita Bezuidenhout ist erst mal nicht mehr als eine typisch südafrikanische Köchin um die fünfzig, heißt: Schürze trägt sie, um dem Besuch den Nachtisch  zu servieren (Koeksister, zum Beispiel, ein weiterer afrikaanischer Anschlag auf die Gesundheit). Ihre Hauptaufgabe besteht im Bemuttern des Personals. Evita Bezuidenhout hat nicht einen rassistischen Knochen in ihrem Leib, trägt aber einen Revolver bei sich, sollte ein schwarzer Taxifahrer versuchen, ihr den Geldbeutel zu stehlen. Evita ist mit ziemlich allen südafrikanischen Politikern und Staatsmännern der Welt per Du und telefoniert täglich per Handy mit ihrem mittlerweile senil gewordenen Freund Mandela (Du musst es ans Ohr halten, Nelson!).

Kurz: Evita Bezuidenhout ist eine Institution, kompromisslos in ihrem Kampf gegen die Rassentrennung und doch tief im Afrikaanertum verwurzelt. Erfunden wurde sie von dem Dramatiker und Schauspieler Pieter-Dirk Uys während der Apartheid-Ära. Die Kunstfigur war eine gute Möglichkeit, Kritik am Rassisten-Staat zu üben und dabei die Zensur zu umgehen. Vor Jahren kaufte Uys seiner Bezuidenhout den alten Bahnhof von Darling und baute ihn um zu einem kleinen Museum und einem Theater, das montags normalerweise geschlossen ist, nicht aber an einem ANC-gesponsorten Public Holiday.

Im kleinen Theater  “Evita se Perron” (Afrikaans für “Evita ihr Bahnsteig” ) sind die Rollen auf den ersten Blick klar verteilt. An den Tischen dominieren  weißhäuptige Weiße, (bis auf zwei, eine davon aus Kanada). Krausköpfige Coloureds servieren die Geränke, dazu tragen sie weiße T-Shirts mit lustigen Sprüchen auf dem Rücken: “Heuchelei ist die Vaseline im politischen Verkehr”. Punkt 14 Uhr besteigt die Bezuidenhout die Bühne und erinnert uns an den Grund für diesen vom ANC gesponsorten Public Holiday: Ja, der Tag der Menschrechte fiel auf einen Sonntag, darum sitzen wir hier!

Es folgen ein paar gemäßigte Zoten über Jacob Zuma, seine Zumamas und die vielen kleinen Zumameras, kreuzbrave Plauschereien mit dem Publikum und politische Scherze über Figuren der jüngeren Zeitgeschichte wie Fidel Castro. Fidel Castro? Die zweite Hälfte der Vorstellung gehört ganz Bezuidenhouts neuem Kochbuch, ihrem Lieblingsgericht “Bobotie” und wie sie Weß und Schwarz damit an den Verhandlungstisch lockte. Alles recht amüsant, eine südafrikanische Kreuzung aus Dieter Hildebrandt und Martha Stewart mit einem Schuss Tupperware-Party.

Charming Darling

Aber was hat die Bezuidenhout zum Thema Menschenrechte im Südafrika von heute zu sagen, an diesem vom ANC-gesponsorten Public Holiday? Zu Demagogen wie Julius Malema, dem auf großem Fuß lebenden Führer der ANC-Jugend, der öffentlich Lieder singt, die zum Mord an weißen Farmern aufrufen? Was zu den enttäuschten Massen, die seit Wochen in Gauteng auf die Straßen gehen, weil sie endlich Strom haben wollen, Wasseranschluss und öffentlichen Nahverkehr, während ihre Führer in schier endlosen 4×4-Kolonnen mit Blaulicht an ihnen vorbeirasen und Studenten verhaften lassen, die ihnen angeblich den Stinkefinger zeigen?

Die Show zum Tag der Menschenrechte im beschaulichen Darling ist gelinde gesagt eine kleine Enttäuschung. Die Bezuidenhout wird altersmilde, dabei wird sie gerade wieder dringend gebraucht. Mein Begleiter, der andere Nicht-Weiße im Publikum, bringt es auf den Punkt: “The Grand Dame is missing a shoe.”

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